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Christen und Juden im Dialog

Der christlich-jüdische Dialog hat an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart eine kontinuierliche Geschichte vorzuweisen. Die Akademie ist seit Jahrzehnten ein Ort für den Dialog von Christentum und Judentum. Dr. Abraham P. Kustermann (Akademiedirektor 2001-2009) beschrieb ihn in der Festschrift anlässlich des 40-jährigen Jubiläums der Akademie als „modelhaft und wegweisend“. Exemplarisch werden im Folgenden einige wichtige Etappen dieses Dialogs hervorgehoben:

  • Zu den ersten Versuchen einer christlich-jüdischen Begegnung kam es erstmals Anfang der 1950er Jahre. Für Mai 1952 plante die Akademie eine „Begegnung der Konfessionen“ zusammen mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, die bis heute ein wichtiger Kooperationspartner der Akademie ist. Diese Idee musste verschoben werden und wurde unter Alfons Auer (Akademiedirektor 1953-1955) an Pfingsten 1953 in der „Una-Sancta-Tagung“ (11) wieder aufgegriffen. Dabei wurde das Judentum jedoch nicht mehr explizit benannt. 1956 war das Judentum dann in der Tagung „Von der Unruhe Israels. Eine Betrachtung des neuen israelitischen Gemeinwesens“ zum ersten Mal eigenständig thematisiert. Seitdem fand das Judentum immer wieder Platz in theologischen Gesprächen, Lese-Reihen und Begegnungstagungen und wurde zum festen Bestandteil des Akademie-Programms.
  • Die Begegnung mit dem Judentum erlangte besonders in den 1970er Jahren große Relevanz und Intensität. Veranstaltungen fanden vor allem aus aktuellen politischen Anlässen statt. Dabei wurden die gesellschaftliche, die historische und die personale Ebene miteinander verbunden. Eine wichtige Veranstaltung war „Das Selbstverständnis der Juden heute“, die im Dezember 1973 die gegenwärtige Lage der Juden in der Bundesrepublik Deutschland in den Fokus nahm. Ziel war es, die Toleranz, den Meinungsaustausch und das gegenseitige Kennenlernen zu fördern. Laut Akademiepfarrer Ernst Steinhart war das Motto „von Herz zu Herz zu reden, ohne dabei den Kopf zu verlieren“.
  • Der jüdisch-christliche Dialog an der Akademie bezog sich immer auch auf soziale und politische Fragen der Gegenwart sowie praktische und persönliche Erfahrungen. So gab Elie Wiesel (geb. 1928; Schriftsteller, Literaturprofessor, Friedensnobelpreisträger 1986 und Auschwitz-Überlebender) Anlass zu einer Veranstaltung. 1995 stellte er auf dem Elie-Wiesel-Symposium mit 978 Teilnehmern und einer großen Zahl namhafter Referenten sein Werk „Und die Welt hat geschwiegen“ (Kurztitel: „Nacht“) als Herausforderung für Religion und heutige Gesellschaft vor, sprach über damit verbundene anthropologische sowie theologische Aspekte und versuchte dadurch, die Erinnerung an den Holocaust und das Schicksal von Millionen Juden zu bewahren.
  • Mit zwei Tagungen wurde der Versuch unternommen, in einem „Theologischen Forum Christentum – Judentum“ den wissenschaftlich-theologischen Dialog zu stärken und relevante Akteure auf diesem Feld miteinander zu vernetzen. Die erste Tagung im März 2009 beschäftigte sich mit dem Thema „Judaizantes. Grenzgänger zwischen Judentum und Christentum“. Im März 2011 fand eine zweite Tagung mit dem Titel „Der Eine Gott, Israel und die Völker. Zu Geschichte und Gegenwart der Mission von Juden und Christen“ statt. Beide Tagungen gingen von Erkenntnissen der neueren Forschung aus, dass die Trennung zwischen Juden und Christen in der Spätantike und im Mittelalter weniger strikt war als früher angenommen. Es wurde darüber reflektiert, wie die vielfältigen wechselseitigen Prägungen in der Geschichte heute theologisch fruchtbar gemacht werden können.
  • In den letzten Jahren widmeten sich mehrere Veranstaltungen der Reflexion christlich-jüdischer Beziehungen unter veränderten Rahmenbedingungen. Ein aktueller Anlass war die seit 2008 geführte Diskussion um die reformulierte Karfreitagsfürbitte, in welcher für die Erleuchtung der Juden gebetet wird und die deshalb als „Rückfall in längst überwunden geglaubte Zeiten“ (Salomon Korn) gedeutet werden kann. Die Tagung Wende im Dialog oder "Zeit zur Neu-Verpflichtung"? im Januar 2010 unterzog davon ausgehend den Ist-Stand des Dialogs einer kritischen Bilanz, dessen Bericht in der Chronik der Akademie des Jahres 2010 veröffentlicht wurde. Im Juli 2012 fand erstmals eine Kooperationsveranstaltung mit der Stiftung Stuttgarter Lehrhaus statt. Sie stand unter dem Thema „Wahrnehmungen des Anderen in Judentum, Christentum und Islam“. Hierbei flossen Erfahrungen aus dem christlich-jüdischen und dem christlich-islamischen Dialog zusammen.

Die christlich-jüdischen Begegnungen begleiten die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart seit ihrer Gründung. Dabei wurden unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt: Politik, Kennenlernen, Geschichte, Wissensaustausch, Theologie, Literatur, Erinnerung oder Nachwuchsförderung u.v.m. Diese kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Judentum äußert sich auch in diversen Publikationen und den weiterhin durchgeführten Veranstaltungen.