18.07.2016, Stuttgart

Erwerbsarbeit für Integration entscheidend

Oberbürgermeister Fritz Kuhn und der katholische Stadtdekan Christian Hermes sprachen über die Flüchtlingssituation in der Landeshauptstadt Stuttgart

Stuttgart. Die Frage, wie sich die in Stuttgart weitgehend dezentral untergebrachten 8500 Flüchtlinge auch in Erwerbsarbeit bringen lassen, ist nach Einschätzung von Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) und dem katholischen Stadtdekan Christian Hermes für die kommende Zeit entscheidend für das Gelingen von Integration. Dies betonten Kuhn und Hermes bei einem Abendgespräch über die Flüchtlingssituation in der Landeshauptstadt am Donnerstag, 14. Juli, im Haus der katholischen Kirche im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Nachgefragt“ der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Klaus Barwig, Stadtdekan Christian Hermes, Oberbürgermeister Fritz Kuhn. Foto: Thomas Wagner


OB Kuhn lobte in diesem Zusammenhang die erfolgreiche Integrationspolitik seiner CDU-Amtsvorgänger Rommel und Schuster. Bei der Flüchtlingsintegration gebe es in der Landeshauptstadt schon eine lange Tradition, worauf er sehr stolz sei. Der Oberbürgermeister verwies darauf, dass 40 Prozent der in Stuttgart lebenden Menschen einen Migrationshintergrund haben, in Schulen seien es sogar 70 Prozent. Und er zitierte dazu eine Gedichtzeile Friedrich Hölderlins: „Glückliches Stuttgart, nimmt freundlich den Fremden mir auf.“ 

Kennzeichen für den besonderen „Stuttgarter Weg“ seien die möglichst dezentrale Unterbringung, derzeit in rund 120 Flüchtlingsunterkünften, sowie die Unterstützung der Stadt durch freie Träger wie dem Caritasverband und durch einen Freundeskreis von Ehrenamtlichen aus der Zivilgesellschaft. Im Unterschied zu Stuttgart hat die Europäische Union in der Flüchtlingsfrage nach Ansicht von Kuhn als ganze „eklatant versagt“. Das „Europa des Taschenrechners“ sei nicht das Europa der Werte und der Solidarität. 

Allerdings stehe auch Stuttgart weiterhin vor großen sozialpolitischen Herausforderungen, so nicht nur bei der Qualifikation der Flüchtlinge für den Arbeitsmarkt, sondern besonders auch beim sozialen Wohnungsbau. Aus diesem seien seine Vorgänger ausgestiegen, „wir steigen wieder ein“, betonte Kuhn. Geplant seien 600 sozial geförderte Wohnungen pro Jahr, notwenig sei aber sehr viel mehr bezahlbarer Wohnraum sowie ein „anderes“ Bauen mit mehr gemeinsam genutzten Räumen. Nicht minder wichtig für das Gelingen von Integration sei die Bekämpfung des zunehmenden Rassismus: „Lassen Sie nicht ab davon, den Rassismus zu ächten“, so Kuhns Bitte an die rund 200 Teilnehmer der Veranstaltung.

Stadtdekan Hermes lobte, dass es in Stuttgart „keine hysterischen Reaktionen“ bei der Aufnahme einer so großen Zahl von Flüchtlingen gegeben habe: „Wir können damit sehr glücklich sein.“ Dies spreche für die „ethische Gesundheit“ des Stuttgarter Gemeinwesens.  „Diese Anständigkeit zeichnet die Stadtgesellschaft aus.“ Die Hilfsorganisationen seien hoch professionell und leistungsfähig, lobte Hermes, auch als Vorsitzender des Caritasrates. 

Der Caritasverband betreut in Stuttgart 3300 Flüchtlinge und engagiert sich besonders auch im Bereich der sozialpsychiatrischen Traumabehandlung mit dem dafür eigens initiierten Projekt OMID sowie „Zifa“ (Zielgerichtete Integration von Flüchtlingen in Ausbildung und Arbeit). Hier erhofft sich Hermes aber mehr Unterstützung seitens der Kommune. Ein Betreuungsschlüssel von 1:136 sei unzureichend. Ohne ausreichende personelle Ausstattung sei aber eine erfolgreiche Integrationsarbeit nicht möglich. 

Die politische Leitkultur für die Integration müsse dem Stadtdekan zufolge die bundesdeutsche Verfassung sein: „Ich bin ein Patriot des Grundgesetzes“ und „kein Anhänger eines Multikulturalismus“. Die Menschenwürde, die Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie die Freiheit seien von allen zu achten. Auch gegenüber den Flüchtlingen, die von autoritären politischen und familiären Strukturen geprägt seien, müsse klar gesagt werden, was geht und was nicht geht. Im Bereich der Religionen gelte: „Die Religionsfreiheit steht nicht zur Disposition.“ Hermes sprach sich dagegen aus, die Christen unter den Flüchtlingen getrennt von den Muslimen unterzubringen. Alle müssten lernen, miteinander zu leben und auszukommen.

Beide Referenten sorgten sich darüber, dass es sogar in Zeiten guter Konjunktur schon „Verteilungskämpfe“ und „Neiddiskussionen“ gebe. Deshalb müsse alles getan werden, dass es der Wirtschaft gut gehe. Für die Qualifikation der Flüchtlinge für den deutschen Arbeitsmarkt sei der Erwerb der deutschen Sprache die unabdingbare Voraussetzung. Dazu gebe es keine Alternative. Moderator Klaus Barwig hatte einleitend betont, ein wesentlicher Aspekt der bisherigen Stuttgarter Migrationsgeschichte sei „der Gedanke der Bereicherung –ökonomisch, demografisch, kulturell“. Es stelle sich die Frage, wie es gelingen könne, „die Potenziale der Neuankömmlinge wahrzunehmen und gezielt zu nutzen“. Bei aller Notwendigkeit, schnell und gründlich deutsch zu lernen, gelte es doch auch, den Reichtum des „Mitgebrachten“ zu sehen – „sprachlich, kulturell, religiös“. (ars/kwh)