23.01.2017, Stuttgart-Hohenheim

Kunst braucht eine Haltung

In der Stuttgarter Staatsgalerie haben der Hamburger Publizist Dr. Hanno Rauterberg und der Heidelberger Plakatkünstler Prof. Klaus Staeck darüber diskutiert, ob die bildende Kunst alles darf, was sie kann.

Ist ein Haus, das Kunst präsentiert, der richtige Ort für eine öffentliche Debatte über die Ethik der modernen Kunst? Die Bilanz der ersten gemeinsamen Veranstaltung von Staatsgalerie und Akademie im Rahmen ihrer Reihe „Nachgefragt“ lautet: Ja.

Von links nach rechts: Steffen Egle M.A. (Staatsgalerie) im Gespräch mit Professor Klaus Staeck, Dr. Hanno Rauterberg und Dr. Ilonka Czerny (Akademie). Fotos: Eppler

Von links nach rechts: Steffen Egle M.A. (Staatsgalerie) im Gespräch mit Professor Klaus Staeck, Dr. Hanno Rauterberg und Dr. Ilonka Czerny (Akademie). Fotos: Eppler

Professor Klaus Staeck (links), Dr. Hanno Rauterberg

Professor Klaus Staeck (links), Dr. Hanno Rauterberg

Das bewiesen das große Publikumsinteresse, die zahlreichen Wortbeiträge und das lebhafte Gespräch zwischen dem seit den 70er Jahren bundesweit bekannten – und politisch lange heftig umstrittenen - Satiriker Klaus Staeck und Hanno Rauterberg, der sich  als stellvertretender Feuilletonchef der  „Zeit“  als Kunstkritiker betätigt, aber als Autor auch über die „Ethik der Ästhetik“ nachdenkt. 

Rauterberg konstatierte, die Gegenwartskunst müsse mit dem Vorwurf leben, sie sei fad geworden und inhaltsleer. Sie habe – zumindest in den westlichen Gesellschaften – „die Lust am Krawall verloren“.   Dabei gehöre „Widerborstigkeit“ doch eigentlich zur Stellenbeschreibung für einen Künstler. Rauterberg erklärt diese Entwicklung  zum einen mit der toleranter gewordenen Gesellschaft,  „Blut, Sperma und Scheiße sind verbrauchte Provokationen“.  Und er glaubt, dass inhaltliche Kritik an der Kunst auch wegen des islamistischen Fanatismus schwer falle, denn „man will nicht mit denen in einen Topf geworfen werden“.  Vor allem aber kritisiert Rauterberg, dass Kunst angesichts der ungeheuren Summen, die heute dafür bezahlt werden, korrumpierbar geworden sei. Dass  ein Pudel von Jeff Koons  teurer sei als Werke alter Meister, „das hat Folgen für die Moral“. Er beklagt die „Versportlichung der Kunst“, bei der es nur noch darum gehe, sich im Preis zu überbieten, zu überrunden, von Rekord zu Rekord zu jagen. Aus einer Werte-  sei eine Preisdiskussion geworden, denn für wenige Superreiche  sei Kunst zur Finanzanlage geworden. Rauterbergs  Credo: „Der Künstler muss im  Markt Moral zeigen. Kunst ist dann wertvoll, wenn sie sich nicht gemein macht mit den Mächtigen. Sie muss was Besonderes und andersartig sein.“ 

Der Heidelberger Plakatkünstler Klaus Staeck verstärkt  diese Forderung: „Ich beurteile Menschen danach, ob sie eine Haltung haben.“ 41 Prozesse sind seit den 70er Jahren gegen seine Plakate angestrengt worden  – erfolglos. Auch finanziellen Abwerbeversuchen der von ihm aufs Korn genommenen Waffenindustrie hat er widerstanden. Das habe freilich seinen Preis. „Ich kann bis heute nicht von meiner Kunst leben“, räumt der Sozialdemokrat ein. Trotzdem ist er nicht auf Unikate umgestiegen und verkauft seine Plakate weiterhin für fünf Euro. Staeck jammert nicht darüber, aber er zeigt sich angesichts des Erstarkens der politischen Populisten in Europa und den USA sehr besorgt. Es sei  „ein Niedergang der Zivilisation, wenn ein US-Präsident Behinderte nachäfft“.  Das müsse Künstler auf den Plan rufen,  die Grenzen ihrer Freiheit gegenüber den Mächtigen auszuloten. Und Staeck ist überzeugt davon: „Wir werden uns entscheiden müssen. Wollen wir so weiterwursteln oder wollen wir die Demokratie verteidigen.“ (tuf)